Ein neuer Trend, ein neuer Hype: Blogs waren gestern. Wer heute etwas auf sich hält, "bloggt" nicht länger, sondern er "twittert". Für alle, die's (noch) nicht kennen: twitter ist eine Art Mikro-Blog-Plattform, auf welcher man "mit 140 Zeichen zum Web 2.0" sich der Welt mitteilen kann. Schön und gut, ein weiterer virtueller Trend vermutlich, der – so hoffe ich – sich ähnlich rasch wieder in Luft auflösen möge wie der einst so euphorisch überbewertete Blog-Trend. Nachrichten kürzer als eine gewöhnliche SMS-Mitteilung werden durch twitter zum Trend, quasi einem "must have" des modernen, stets auf der Höhe der Zeit agierenden Internet-Nutzers erhoben.
Über die Tendenz der Entwicklung vom regulären Blog zum sogenannten Mikroblog wurde im Rahmen dieser Website bereits berichtet. Da heisst es:
Eine andere These zur aktuellen Entwicklung von Blogs vertritt blogrolle.net: demzufolge werden Blogs tendenziell häufiger, dafür aber weniger umfangreiche Inhalte publizieren. Es wird sich neben einer Anzahl etablierter Blogs, die ähnlich wie die sogenannten Internetportale oder Nachrichtenseiten von mehreren Personen bearbeitet werden, eine unüberschaubare Anzahl sogenannter Mikroblogs etablieren […]. Mit einer maximalen Länge von 140 Zeichen werden sie eher Forenbeiträgen gleichen. Sollte sich diese Prognose bewahrheiten, bleibt abzuwarten, was aus der einst mit so viel Euphorie vorausgesagten “kritischen Gegenöffentlichkeit” im Internet wird.
Das Interessante am Phänomen twitter ist zunächst einmal seine Zweckfreiheit. Eine Zweckfreiheit, wie man sie inzwischen – dieser Tage mehr denn je – auf das gesamte Internet ausweiten könnte, denn der Sinn und Zweck aller Web 2.0-Sozietät erscheint bei eingehender Betrachtung doch zumindest als fragwürdig. twitter ist also der neueste Stern am Web 2.0-Himmel, respektive das neueste Stichwort der Web 2.0-Tagwolke. twitter, mit seiner allzeitlichen Verfügbarkeit und dem – bedingt durch die Kürze der zu übermittelnden Inhalte – aufgezwungenen Konzept "Fasse dich kurz!" gilt als die modernste aller möglichen Formen der Kommunikation und Selbstreflexion. Stars und Sternchen nutzen twitter, um über Aktivitäten des täglichen Lebens aufzuklären, ebenso wie auch Otto Normaluser sein ununterbrochenes Mitteilungsbedürfnis befriedigt, Politiker und Parteien nutzen den Dienst zu Zwecken des Wahlkampfes und der Propaganda. Vom alltäglichen "Heute Frühstück mit Ei und Schinken" über die neuesten Gedanken zum Plot der Lieblingssendung im Fernsehen hin zu "Wählt mich!" und "Yes, we can!". Interessant wird das Ganze aber genau dann, wenn man den Sinn der Mitteilungen einmal hinterfragt oder sich Gedanken zu den zukünftigen Tendenzen der Informationsflut macht. Wer bitte braucht tägliche Meldung darüber, wer wann was jeden Tag im Supermarkt zu essen gekauft hat oder welchen Film man sich in der Videothek (Achtung, im Aussterben begriffenes Wort!) geliehen hat, nur um festzustellen, wie grottenschlecht er war?
Informationstechnisch betrachtet muss twitter der Super-GAU der modernen Informationsgesellschaft sein: unüberschaubare, exponentiell wachsende Datenbestände unnützer und verzichtbarer Informationen. Es stellt sich die Frage, welche Nachwirkungen das Phänomen etwa im Rahmen der Umwelt- und Klimawandeldiskussion haben wird, denn die inzwischen unfaßbare Datenmenge des Internets äußert ihren Resurcenhunger nur sekundär in der Verfügbarkeit umfasender Datenspeicher-Hardware. Primär geht es hier um den Stromverbrauch, der täglich durch das Internet ausgelöst wird und auch um die Wärmeentwicklung, welche der permanente Betrieb hochperformanter Servercomputer mit sich bringt. Aktuelle Erhebungen zur Größe des Datenbestandes im Internet sind kaum auszumachen; die aktuellste Erhebung, die im Rahmen einer Recherche auszumachen war, datiert vom 13.07.2000 und ist somit durch ihr Alter von nunmehr neun Jahren alles andere als aussagekräftig; der Link zur ursprünglichen Studie führt längst ins Leere.
Zudem wird es im Web 2.0 zusehends schwerer, Inhalte gleich welcher Art wieder aus dem Netz zu entfernen. Auch die Nutzungsbedingungen des Betreibers stellen im Wesentlichen ein Problem dar: so wird es in der wunderbaren Welt des Web 2.0 immer populärer, sich als Betreiber die vom Nutzer eingestellten Daten zu eigen zu machen, respektive: durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Dienstes den Nutzer zu zwingen, sämtliche Rechte an seinem Bild- Ton- und Textmaterial an den Dienstanbieter abzutreten. Eine Diskussion zum Thema Datenschutz wird damit zusehends obsolet. Die deutschsprachige Wikipedia trifft zur Datenschutzpolitik twitters folgende Aussage:
Twitter sammelt personenbezogene Daten seiner Benutzer und teilt sie Dritten mit. Twitter sieht diese Informationen als einen Aktivposten und behält sich das Recht vor, sie zu verkaufen, wenn die Firma den Besitzer wechselt.
Ähnliche Verfahrensweisen wurden bereits in anderen sozialen Internetdiensten bekannt; im Fall von Facebook führte eine Revolte der Benutzer zur Abkehr von einer ursprünglich geplanten Änderung der Nutzungsbedingungen.
Fairerweise sei angemerkt, dass – auch wenn entsprechende statistische Erhebungen zu diesem Thema bislang fehlen – der durch die massenhafte Versendung von SPAM hervorgerufene Datenverkehr und der mit ihm einhergehende täglich steigende Energiebedarf des Internets mit all seinen negativen Konsequenzen bislang schätzungsweise den von twitter produzierten Traffic massiv übersteigt, es nur eine Frage der Zeit sein kann, ehe das Konzept von twitter sich selbst untergräbt und der nimmer endenden SPAM-Welle neuen Nährboden beschert. Ich für meinen Teil kann diesem Dienst bei allem guten Willen nichts Positives abgewinnen und werde ihn sicherlich nicht nutzen, auch wenn böse Zungen in mir bereits einen potentiellen CDU-Wäher sehen, nicht wahr, Tiemsche?
;)
Links zum Thema:
twitter.com
Twitter - Wikipedia
Twitter - Der größte Blödsinn aller Zeiten - F!XMBR
Internet (Energieverbrauch) - Wikipedia
Hoher Stromverbrauch: Klimakiller Internet - SZ
Datenverkehr: Den Rechenzentren droht der Hitzschlag - Welt Online
SANData IT-Gruppe: Presse
Kommentare
Vielen Dank! werde mich
Vielen Dank! werde mich bemühen, zukünftig häufiger zu schreiben. Ich weiss gar nicht, wie oft ich das schon versprochen habe, letztlich hat man 1000 Ideen für Beiträge im Kopf, die man nie schreibt, wenn man so sehr im täglichen Leben eingespannt ist... aber letztlich ist das Blog ein gutes Forum und eine sprachliche Spielwiese, die sicher etwas Gutes für sich hat.
Auch ein neues Design müsste endlich mal her. Auch das predige ich schon seit Jahren... Jedenfalls hoffe ich, dass sie öfter mal reinschauen und vllt auch die älteren Beiträge einmal anschauen. Schönen Sonntag!
Das hebt sich recht positiv
Das hebt sich recht positiv von anderen Blogs ab