Wer hätte das gedacht? Da leben wir im angeblichen Zeitalter der Globalisierung, und dann das: unsere Volksvertreter, seit Jahren um eine wohlgemeinte, aber nichtsdestoweniger wesentlich übertriebene Standardisierung des Lebens in Europa bemüht, verfügen in einer multilingualen, immer stärker vernetzten Gesellschaft nicht einmal über die rudimentärsten Englischkenntnisse. Wer in diesen beschäftigten Tagen noch Zeit für Zerstreuung in Blogs und sozialen Netzwerken findet, wird bereits auf die allgemeinen Heiterkeitsausbrüche aufmerksam geworden sein, welche Guido "Westerwave" Westerwelle mit seinen öffentlichen Auftritten in englischer Sprache ausgelöst hat. Den Vogel abgeschossen hat dabei seit einiger Zeit die Facebook-Gruppe "Westerwave - No One Can Reach Me The Water", die täglich, fast in Blogform, ein fiktives Tagebuch unseres unsäglichen Außenministers schreibt und deren tägliche Lektüre seit einigen Wochen zu meinem persönlichen Pflichtprogramm zählt. Allerdings ist "Westerwave" mit seinen an die Sprachfertigkeiten eines Fünftklässlers im ersten Halbjahr erinnernden Darbietungen noch durchaus harmlos, wird doch alles durch den designierten Europa-Abgeordneten Günther Oettinger relativiert.
Die tageszeitung stellt dabei in ihrer Online-Ausgabe fest: "There is one who can reach Westerwave the water: Mr. Oettinger." Worum geht's? Der bisherige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) wurde überraschenderweise zum neuen EU-Kommissar für Energie nach Brüssel berufen. Auf dem internationalen Parkett des Europa-Parlaments sind natürlich Kenntnisse mindestens einer europäischen Fremdsprache zwingend erforderlich. Durch die weite Verbreitung des Englischen als lingua franca Europas sollte natürlich klar sein, dass hier in erster Linie sichere Kenntnisse des Englischen in Wort und Schrift eine, wenn nicht die Einstellungsvoraussetzung für diesen Posten sein sollten. Getrieben von einer Hochnäsigkeit, wie sie traditionell allen Volksvertretern eigen zu sein scheint, forderte Oettinger im Vorfeld vom Volk selbst sichere Kenntnisse der Fremdsprache ein. Grundlage hierfür ist das Argument der "Arbeitssprache"; Oettinger sieht hier sowohl den einfachen Fabrikarbeiter wie auch den betuchten Geschäftsführer in der Verantwortung, sichere Sprachkenntnisse zu erwerben, legt bei sich selbst aber freilich völlig andere Maßstäbe an. Oettinger disqualifiziert mit seiner im Grunde genommen eher peinlichen denn unterhaltsamen Performance den eigenen Anspruch. Mit welchem Recht kann man bitte von anderen Leuten Kenntnisse einfordern, über die man selbst nicht verfügt? Auf den Punkt gebracht wurde das Dilemma von Peter Mühlbauer in seinem unlängst erschienenen Artikel "Alles außer Hochdeutsch?" auf heise telepolis. Da heißt es:
Eine Erklärung [...] gab [...] ein weiterer YouTube-Nutzer, unter Verweis auf die von Oettinger nach seiner Nominierung im Oktober gegebene Auskunft, er sei sich "in Englisch, was das Gespräch angeht, sehr sicher": Da fragt man sich, mit wem der sich bis jetzt unterhalten hat. Wahrscheinlich nur mit Untergebenen, die sich nicht getraut haben ihn darauf hinzuweisen, wie miserabel sein Englisch ist.
Natürlich mögen einige Leser diesen Artikel als Polemik gegen Herrn Oettinger begreifen, dennoch darf nebenbei dezent angemerkt werden, dass auch Polemik ihre Berechtigung hat und bisweilen der einzig mögliche Weg ist, die Wahrheit auf den Punkt zu bringen. Natürlich verlangt niemand ernsthaft von den Abgeordneten im EU-Parlament verhandlungssichere Fremdsprachenkenntnisse; diese sind und bleiben die Domäne vereidigter Übersetzer. Dennoch muss von Politikern auf der internationalen Bühne erwartet werden, dass sie sich zumindest in einer Fremdsprache verständlich und fehlerfrei artikulieren können, so sie nicht sich selbst und das Volk, das sie repräsentieren, der Lächerlichkeit preisgeben wollen. Zudem sind die bornierten und einseitigen Forderung des Herrn Oettinger in höchstem Maße beispielhaft für die allgemeine Politikverdrossenheit, die inzwischen in der Bundesrepublik und andernorts in Europa herrscht. Oettingers anglophone Sprachkenntnisse bei YouTube:
Kommentare
[...] wie man plötzlich nach
[...] wie man plötzlich nach mir rief, und zwar, man ahnt es schon, einmal mehr in meiner heißgeliebten oettingerschen Arbeitssprache. Ich sah mich also um und entdeckte, dass eine junge Frau aus einem Auto zu mir rief und um Hilfe [...]