Es ist soweit: die zurückliegende Woche markiert die Nummer 20 auf meinem Auslandsjahreskalender und damit die Halbzeit meines Aufenthalts hier in Finnland. Ich kann nicht sagen, dass ich sonderlich traurig sei. Zurückgekommen am gestrigen Samstag hoffe ich, die noch vor mir liegende Zeit produktiver und allem voran positiver nutzen zu können als die letzten Wochen des vergangenen Jahres, die ich hier zugebracht habe.
Hinter mir liegt eine wunderbar entspannende Zeit daheim in Deutschland bei meiner Familie, und ich bin so dankbar, diese Zeit erlebt zu haben. Weihnachten und Neujahr auswärts zu verbringen, allein und fern der Familie, das wäre nichts gewesen. Selten im Leben habe ich mich so gefreut, wieder nach Hause zu kommen, und selten im Leben habe ich innerlich so dagegen revoltiert, wieder gehen zu müssen. Sicherlich ist gerade dies aber eines der guten Dinge, die ich von diesem Aufenthalt mitnehmen werde: man lernt sich selbst doch von einer völlig neuen Seite kennen. Ich hätte nie gedacht, dass ich ein solcher Familienmensch bin, aber offensichtlich bin ich es doch. Es klingt vielleicht seltsam, aber nie habe ich mich zu Hause so zu Hause gefühlt. Zu Beginn des Aufenthalts hier war ich so idealistisch… der Idealismus wurde jedoch längst von der Realität eingeholt, welche bewies, dass eine einheitliche lingua franca, nämlich das Englische, auch Nachteile mit sich bringt, und dass es gar nicht so einfach ist, in der flüchtigen Gesellschaft von Austauschstudenten und Ansässigen Fuß zu fassen, vor allem dann nicht, wenn man als ohnehin stiller Mensch auf ein ganzes Völkchen von noch stilleren Menschen trifft. Dies bestätigte mir auch meine Kölner Kommilitonin Nina, die ich witzigerweise beim Ausstieg aus dem Flieger in Helsinki traf und die, wie sich herausstellte, den Flug genau auf dem Sitzplatz vor mir verbracht hatte. Bei dem wohltuenden Smalltalk erfuhr ich auch, dass ihre Reise nach Joensuu ging, also ein ganzes Stück weiter nach Norden als mein relativ kurzer Weg von Helsinki nach Turku; auf Nina wartete immerhin noch eine fünfstündige Busfahrt. Auch sie wird ihr Auslandsjahr Ende Mai beenden, und genau wie ich weiß auch sie noch nicht, oder besser gesagt nicht mehr, ob es letztlich ein längerer Aufenthalt in Finnland, sprich ein endgültiger Umzug sein soll, oder nicht. Ich denke, für mich selbst ist diese Frage bereits beantwortet.
Nach meiner kleinen Interlude in Deutschland hat sich hier im Studentendorf einiges geändert. Die meisten Leute sind abgereist und durch Neuankömmlinge ersetzt worden. Diese sind allesamt Frauen. Als ich gestern Abend meine Mahlzeit in der inzwischen nicht mehr allzu arg verdreckten Küche zubereitete, nutzte ich die Gelegenheit für ein wenig Smalltalk, denn neben der Erledigung der wirklich studienrelevanten Sachen sollte ich mich wohl um mehr Sozialisation bemühen, um hier nicht völlig den Verstand zu verlieren. Momentan ist es gut, dass der Schnee im wahrsten Sinne des Wortes Finnland zu einem talvenihmenmaa, einem Winterwunderland gemacht hat und auch die Tage nach der Dunkelheit und dem fürchterlich deprimierenden Einheitsgrau im November und Dezember wieder länger werden. Ich wünsche mir also selbst gutes Gelingen bei diesen Vorhaben, um die Zeit hier doch noch (wieder) genießen zu können, mein Studium auf den Abschluss vorzubereiten und mich sonst einer anderen Zukunftsplanung zu widmen. Sehen wir, was da kommt.