In letzter Zeit erscheint es fast lächerlich, wie oft ich am Essener Hauptbahnhof mit Frauen ins Gespräch komme. Es ist schon fast so, als sei der Bahnhof eine wahres Parkett für Smalltalk und oft zeigt sich das eigentlich nervige Warten auf den Zug nach Hause am Ende des Arbeitstages als der wahre Höhepunkt des Tages. So auch gestern. Eine junge Dame sprach mich an und stellte mir die Frage, ob sie mit ihrer regulären Fahrkarte auch im IC reisen könne. Was mir zunächst auffiel war der Akzent, mit dem sie sprach, jedoch konnte ich ihn in aller Schnelle auf keiner Landkarte einordnen. Sehr zu meinem Bedauern mußte ich der jungen Frau mitteilen, dass sie nur die Regionalbahnen und Regionalexpress-Züge mit ihrer normalen Fahrkarte nutzen könne. Damit war das Gespräch zunächst beendet.
Ich ging dann etwas abseits, sah dann aber, dass sie eine weiße Plastiktüte bei sich trug, mit der Aufschrift España. Ich war entzückt. Sogleich packte mich der Ehrgeiz, dem Mädchen, das mit seinen langen, dunklen Locken übrigens eine wahre Augenweide war, begreiflich zu machen, dass ich seine Sprache kenne und so auch, ich gebe zu, etwas Eindruck zu schinden. Ich ging dann auf sie zu und fragte auf Spanisch, wohin denn die Reise gehen soll. Nach Düsseldorf sollte es gehen. Es ergab sich dann ein minimaler Smalltalk, bei dem sie die Gelegenheit nutzte, festzustellen, dass am Nachmittag mehr Züge fahren als abends und dass es immer nur gilt, zu warten, was ich bejahte. Ich sagte ihr dann, dass sie den Zug, der auf dem Display am Gleis angekündigt wurde, nehmen solle und dass es mit ihrem Ticket dann kein Problem sei. Ich las noch schnell den Fahrplan und teilte ihr mit, dass sie um fünf nach sieben des Abends in Düsseldorf ankommen werde, nähme sie diesen Zug. Als der Zug dann wenig später eintraf und sie im Begriff war, für immer zu verschwinden, wagte ich nicht einmal mehr, ihr noch eine gute Reise zu wünschen, geschweige denn, mich anständig zu verabschieden. Denn obwhohl sie immer auf das einging, was ich sagte, wurde ich das Gefühl nicht los, einen fatalen Eindruck hinterlassen zu haben. Ich spreche nicht sehr oft Spanisch, und obwohl ich gerade ein Buch auf Spanisch lese, andauernd spanische Musik höre und mit zwei netten Leuten in Argentinien und Mexiko chatte, hatte ich das Gefühl, einen Eindruck bei der anonymen Schönen hinterlassen zu haben, als hätte ich erst gestern angefangen, Spanisch zu lernen. So war sie ohne ein weiteres Wort verschwunden, ich stand da, auf meinen Zug Richtung Mönchengladbach wartend, und fühlte mich wie der größte Idiot. Das Erlebnis beschäftigte mich noch eine ganze Weile, und das Nachdenken über dieses Desaster brachte mich schließlich dazu, mir eingestehen zu müssen, dass ich vielleicht doch nicht das Sprachgenie bin, für das ich andauernd gehalten werde. Denn ehrlich gesagt war ich die ganze Zeit, da ich mit der Schönen sprach, über Gebühr nervös, getrieben von dem Gedanken, ja keinen Fehler zu machen. Wieviele Fehler sich in den wenigen Sätzen, die gesprochen wurden, tatsächlich über meine Lippen verirrt haben, will ich lieber gar nicht wissen. Letztendlich lieferte eine Denkarbeit die Antwort auf alle Fragen, die dieses Erlebnis in mir aufwarf: der Grund für meine andauernde Unsicherheit ist wohl weniger fehlendes Verständnis der Sprachen, die ich bislang gelernt habe, als viel mehr fehlende Erfahrung im aktiven Gebrauch der Sprachen. Denn Gesprochenes verstehen zu können oder an einem geschriebenen Gespräch über Internet teilzunehmen ist einfach etwas völlig anderes als von Angesicht zu Angesicht eine Sprache mündlich zu gebrauchen, die man sonst mangels Gelegenheit nie gebrauchen kann. Es ist ein bißchen wie die Sache mit dem kleinen Kind und dem Fahrrad: wenn man nicht täglich übt, lernt man es nie und fällt ständig auf's Maul. Somit bewahrheitet sich einmal mehr die alte Weisheit davon, dass man eine Sprache nirgends besser lernt, als in dem Land, wo sie gesprochen wird. Ich muss einsehen, dass man sich letztlich doch kein fremdsprachliches Universum in seiner muttersprachlichen Umgebung schaffen kann, und auch andaurnde innere Monologe in fünf verschiedenen Sprachen sind keine Vorbereitung auf ein echtes Gespräch. Einmal mehr bleibt nur die Erkenntnis: ich muss und will raus aus diesem Land.
Tal vez nos vemos en el futuro, belleza desconocida.