Rezension: Jenni Vartiainen – Ihmisten Edessä

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Jenni Vartiainen gilt unangefochten als die Königin der finnischen Popmusik. Ihren Rang als begnadete Künstlerin hat die am 20. März 1983 im zentralfinnischen Kuopio geborene Jenni Vartiainen spätestens im Rahmen ihrer Solokarriere nach dem Ende der Popband Gimmel bewiesen. Bislang liegt mit Ihmisten Edessä (Vor den Leuten) aus dem Jahr 2007 das bislang einzige Soloalbum der Künstlerin vor.

Verglichen mit der Vergangenheit in der Popband Gimmel (zusammen mit Susanna Korvala, Vaasa, und Ushma Susanna Olava, geb. Karnani, Helsinki) ist die musikalische Atmosphäre auf ihrem Solowerk deutlich ernsthafter. Getreu ihrer Maxime finden sich auf dem Album eine Reihe sehr dramatischer Popsongs, aber auch radiotauglicher, tanzbarer Mainstream-Pop.

Der Opener auf dem Album ist das wahrscheinlich melodramatischste aller vorhandenen Stücke. Tuhannet Mun Kasvot (Meine tausend Gesichter) ist eine über Gebühr gefühlsbetonte Piano-Ballade, die in ihrem Fortlauf die thematische Dramatik durch ein starkes Crescendo ausdrückt. Das Stück behandelt als Thema die Selbstfindung des Menschen und Entfremdung von der Umgebung: Im Text heisst es etwa: „Ohne Hass könnte ich niemals lieben, meine Heimat fand ich dort, wo das Land fremd ist… In der Nacht war ich immer schwermütig, da ich ein Kind des Tages bin, beim Einbruch der Dunkelheit sehne ich mich nach dem Licht…“.

Dieses ergreifende Stück wird in der Kopplung abgelöst vom Titelstück des Albums, Ihmisten Edessä (Vor den Leuten). Dieses ebenfalls von starker Melancholie geprägte Stück regte seinerzeit in Finnland eine Debatte über die Künstlerin aus, werden hier doch recht unverblümt die gesellschaftlichen Schwierigkeiten einer homosexuellen weiblichen Liebe thematisiert. Die Diskussion ging damals so weit, dass Jenni ein öffentliches Statement abgeben und auf den Unterschied zwischen dem Leben und musikalischer Lyrik verweisen musste. Trotz allem war das Stück ein ernstzunehmender kommerzieller Erfolg in Finnland.

Das Stück Kerro Miltä Se Tuntuu (Sag mir, wie es sich anfühlt) ist unbestritten eines der besten Stücke. Geprägt von Piano, Akustikgitarre und dezent platzierten Synthesizer-Effekten fordert Jenni: Sag mir wie es sich anfühlt, wenn man vor nichts Angst hat. Die Stücke Toinen (Ein Anderer) und Mustaa Kahvia (Schwarzer Kaffee) erzählen in getragener Atmosphäre vom Ende einer Beziehung. Übliche Erfahrungen, wie sie nach einer Trennung beim Betreten zusammen oft aufgesuchten Orten ins Gedächtnis zurückkehren, werden hier thematisiert.

Das Stück Malja ist sehr täuschend: ein recht experimentell klingendes Intro mit Didgeridoo-ähnlichen Synthesizer-Linien verheisst zunächst nicht viel Gutes; der anschließende rasche Wechsel in Richtung Rock mit dem üblichen Set von verzerrter Gitarre, Bass und Schlagzeug entschädigt für den anfänglichen trügerischen Eindruck und macht aus dem Stück einen wahren Hammer. Es ist die Art von Song, bei denen sich Geduld zu Anfang des Stückes bezahlt macht. Das ebenfalls nicht minder experimentelle Outro erinnert an eine arg verzerrte Version einer Gute-Nacht-Musik, verfügt jedoch über einen ungleich belustigenden Charakter.

Das von Akustikgitarre und Sitar getragene gleichfalls sehr dramatisch ausgefallene Stück Tunnoton (Betäubt) mag möglicherweise der Tiefpunkt des Albums sein: zwar kann man sich als erfahrener Mensch in die Gedankenwelt der Protagonistin hineinversetzen, aber so recht mag das Stück nicht gefallen; zu verstehen ist hier der Begriff „Tiefpunkt“ in einer relativen Lesart; das Stück selbst ist keinesfalls schlecht, möglicherweise ist es jedoch eines von jenen Stücken, deren Gefallen sehr stark von der Laune des Hörers abhängt.

Elämänperhonen ist ein typisches Pop/Rock-Stück, das auf Anhieb gefällt. Getragen wird das Stück vornehmlich von Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synth. Ein rundherum gelungenes Stück, welches die hohe Qualität der Musik bestätigt, selbst wenn es Pop ist. Das vorletzte Stück Mandartania ist gleichsam ein Meisterwerk der Popmusik, dessen Atmosphäre vergleichbaren Tracks aus den 80er Jahren alle Ehre gemacht hätte. Vor allem der Gitarrenlauf im Hintergrund ist sehr einprägsam. Das Outro Vedenalaista (Unter Wasser) markiert als schwermütig getragenes, atmosphärisches Ende letztlich den Höhepunkt des Albums. Auch nach mehrmaligem Hören des Albums dürfte v.a. dieses Stück in der Erinnerung des Hörers haften bleiben. Jenni Vartiainen liefert mit dem Erstlingswerk ihrer Solokarriere ein perfektes Werk, welches die richtige Balance zwischen tanzbarem Pop und schwermütiger, von Streichorchester und Synthesizer-Effekten begleiteter Atmosphäre findet. Obwohl schon vor drei Jahren veröffentlicht, ist dieses Album sicherlich eine der musikalischen Entdeckungen des Jahres.

  • Jenni Vartiainen: Ihmisten Edessä
  • 2007 Warner Music Finland OY
  • Audio CD/Jewel-Case
  • 10 Tracks / Zeit: 41:24
  • Genre: Pop
  1. Tuhannet Mun Kasvot
  2. Ihmisten Edessä
  3. Kerro Miltä Se Tuntuu
  4. Toinen
  5. Mustaa Kahvia
  6. Malja
  7. Tunnoton
  8. Elämänperhonen
  9. Mandartania
  10. Vedenalaista

Jenni Vartiainen - Ihmisten Edessä (Cover)

Persönliche Anmerkung: Der Fairness halber sollte ich noch erwähnen, dass ich etwa die Hälfte der Songs schon kannte und quasi wusste, was ich da kaufe, bin ich doch schon seit längerem ein Bewunderer dieser großen Künstlerin. Jedoch sind es gerade die bislang unbekannten Stücke, an denen ich mich in nächster Zeit satthören werde und die – ohne Frage – mein Verständnis ihrer Musik nachhaltig verändern werden.