Wenn das Loswort der Vereinigten Staaten die Proklamation ihrer selbst als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, so ist das Internet der Ort, wo diese Möglichkeiten wahr werden. Soziale Bindungen über Tastatur und Bildschirm als Verbindung an Orte, auf deren Boden wir niemals den Fuß gesetzt haben, erscheinen bisweilen realer als all das, was wir vor der Haustür vorfinden. Freundschaft jenseits jeden wirklichen Blickkontakts und Liebe in Parship-Zeiten brauchen längst keinen Vermittler mehr. Was aber, wenn der Satz geschrieben wird, den man niemals lesen wollte? Wie real ist all das, und was bringt es uns?
So geschehen heute Nacht. Die Geschichte ist kompliziert, wie so ziemlich alles, was seinen Anfang jenseits der wahren Welt nimmt. Ein persönliches Interessengebiet, ein Mausklick, die erste überraschende Kontaktaufnahme von der anderen Seite des Bildschirms, Austausch von Mail- und IM-Adressen, genug gemeinsam verbrachter Online-Zeit und persönlicher Kompatibilität, und schon hat man verloren. Das was man, durchaus nicht unberechtigt als eine andere, aber aufregende und spannende Form von Liebe bezeichnen kann, ließe sich auch sehr treffend unter dem Begriff „Netzromantik“ zusammenfassen. Sie unterscheidet sich von vergleichbaren Phänomenen in der wahren Welt dadurch, dass alles wesentlich langsamer vonstatten geht, dafür aber v.a. wegen der unendlichen Sehnsucht, unerfüllten Wünschen und den Luftschlössern, die man irgendwann im eigenen Kopf baut, nicht minder intensiv erlebt werden kann als ein flüchtiges Lächeln im Vorbeigehen, eine zufällige Berührung oder das erste zaghafte „Hallo“ vor der Haustür, wenn zwei Wege sich unvermittelt kreuzen.
Obwohl es grundsätzlich jedes Mal dasselbe ist, verliert man leicht die Vorsicht, wenn das Eis erst gebrochen ist, das heißt in dem Moment, da der Kontakt regelmäßiger und mit jeder geschriebenen oder gesprochenen Konversation persönlicher und tiefgehender wird, und jede Begegnung zwischen den Tastaturen ein wenig länger dauert, bis man irgendwann seine ganze Nacht dem Gegenüber im Nirgendwo widmet. Wohlgemerkt, die Rede ist hier einerseits vom Blauen Nirgendwo des Internets, als auch vom Nirgendwo unüberbrückbarer, ungleich realerer geographischer Distanz, zu der in diesem speziellen Fall auch noch eine Zeitverschiebung von ca. zehn Stunden zählt. Das Internet tilgt die Grenzen aller Staaten von der Landkarte. Dieser vermeintlich größte Segen, den der technische Fortschritt über die Menschheit gebracht hat, kann (und wird fast immer) fatale Folgen für das eigene Leben haben, sobald Kontakte allzu persönlich werden, während zugleich die Distanz zwischen zwei Menschen zu groß ist, um sie entweder möglichst bald oder ausreichend oft überwinden zu können. Grund und Übel von allem ist dabei, dass eine getrennte Betrachtung des Internets und der wahren Welt längst nicht mehr funktioniert: was immer wir über das Netz kommunizieren, kommunizieren wir mit Menschen, und ihrer Natur nach haben Menschen Gefühle und entwickeln permanent Gefühle, gleich ob positiver oder negativer Natur für Dinge und eben auch für andere Menschen. Ich begreife daher das Netz nicht länger als eigene, autonome Welt, sondern vielmehr als einen Kommunikationskanal zwischen Menschen, auch wenn diese Sichtweise eine sehr persönliche ist und nur diejenigen betrifft, die das Netz intensiv nutzen. Gerade die hoch gelobten sozialen Strukturen im Netz sind es, die uns die Möglichkeit eröffnen, mit Menschen aus allen Teilen der Welt in Kontakt zu treten und sie, sofern die Chemie stimmt, in unserem persönlichen Leben willkommen zu heißen und daran teilhaben zu lassen, so wie auch wir unser eigenes Leben durch die Teilhabe am Leben Anderer bereichern.
Ein erster warnender Hinweis auf Netzromantik ist wohl immer der Moment, an dem der Zweck der Internetnutzung unmittelbar mit dem Gedankenaustausch mit diesem einen Menschen verknüpft wird, oder gar darauf reduziert wird. Nun neigen wir als Romantiker der Neuzeit wahrscheinlich gern dazu, diesen Warnhinweis wohlweislich zu ignorieren.
Kritisch wird es, wenn man beginnt, Luftschlösser zu bauen, denn Luftschlösser haben die unangenehme Eigenschaft, Abbilder unserer intensivsten Träume und Wünsche zu sein, auf die wir alles das reflektieren, was uns augenblicklich fehlt. Je länger dieser Zustand andauert, je länger man sich in illusionären Träumen verliert und sich dabei möglicherweise gegenseitig hochschaukelt, wie es in meinem sehr persönlichen Fall geschehen ist, umso unbesiegbarer, besser und fähiger fühlt man sich, während man gleichzeitig keinen schlimmeren Schmerz zu spüren vermag als den Zustand gegenseitiger Trennung, wenn man sich doch auf der Welt nichts sehnlicher wünscht, als genau diesen Zustand zu überwinden.
Das Internet als grobe Überspitzung des platonischen Ideenhimmels ist ein unüberblickbares Konvolut von Weltwissen, Lügen, wahren und falschen Versprechungen und der Summe der Leben all jener geworden, die es täglich nutzen. Wer mag sich in dieser bittersüßen Hölle noch zurechtfinden, wenn wir verlernen, wahr von falsch zu unterscheiden und uns durch Einflüsse verwundbar machen, die es niemals hätte geben dürfen? Im unendlichen Universum der Illusionen machen wir uns zu Gefangenen unserer selbst, ohne je die weitreichenden Folgen zu beachten, ohne zu wissen, was wir da eigentlich tun. Ich darf einen weisen Mann unserer Zeit zitieren und sein Postulat wider die Entfremdung des Menschen durch allzu großen Einfluss der Technik [Übersetzung]: „Stoppt den technischen Fortschritt. Ihr verliert Euch in etwas, das es wirklich nicht gibt…“. Welch wahres Wort, und doch nicht ganz richtig, denn: der Wahrheitswert aller Kommunikation, so immateriell sie auch immer sei, bemisst sich letztlich durch die Bedeutung, die wir den übermittelten Inhalten beimessen, und nicht durch die physische Beschaffenheit des Informationskanals.
Den Satz, den ich niemals lesen wollte (und bei Gott, ich wünschte, ich hätte ihn niemals gelesen), las ich gestern Abend um 21:47 Osteuropa-Zeit (fi): [Übersetzung:] „Am besten wäre, wenn ich es bald vergesse.“. Gemeint war damit die Idee einer Reise der betreffenden Dame nach Europa. Allein das zu lesen war schlimm, der letztendliche Dolchstoß in die Tiefen der Seele war aber der folgende Satz um 21:53 [Übersetzung]: „Und manchmal bin ich verzweifelt und glaube, dass der Tag, an dem ich dich treffen werde, niemals kommen wird…“… Grausam. Seit ich das las, konnte ich nicht mehr lächeln, lachen, mich ihrer, so doch nicht körperlichen so doch wenigstens, wie ich zu glauben pflegte, emotionaler Anwesenheit freuen. Es mag nicht eben glaubwürdig klingen, doch ich weiß, dass von allen einflussreichen Worten, die ich im Laufe des Lebens gehört habe, diese zitierten Satz Eingang ins für mich Unvergessliche finden werden und zum Nachhall unauslöschlicher Erinnerungen werden. Genau wie ihre Statusmeldung bei facebook es vor ein paar Tagen verriet, hat eben alles einen Anfang und ein Ende. Das muss es dann gewesen sein.
Bislang hielt ich es für ein unergründliches Wunder, dieser Frau, diesem einen der wunderbarsten Menschen, die ich je kannte, trotz aller Entfernung so nahe zu sein. Ich dachte, es sei eine Art Vorsehung oder dergleichen, auch wenn ich eigentlich ein nüchterner und weit weniger esoterischer Charakter bin und wähnte in den zu überwindenden Hindernissen lediglich eine weitere Probe meiner Geduld durch die Hand Gottes, wie immer es ihr beliebt, mich, so wie wahrscheinlich alle anderen auch, gerne einmal warten zu lassen, ehe uns die Erfüllung großer Wünsche gestattet wird. Stattdessen aber kam, wie es scheint, alles anders.
Wo die Hoffnung fehlt, ist alles verloren. Und so wie auch unser wunderschönes Deutschland keine Hoffnung mehr hat, so hat sicher auch ein Teil der Netzgemeinde keine Hoffnung mehr, jener Teil denke ich, dem derzeit dasselbe widerfährt wie mir.
Ich habe heute Nacht nicht schlafen können. Im Bett liegend, im Halbdunkel des Zimmers an die Zimmerdecke starrend, half auch die warme Bettdecke nichts. Ein innerer Frost bemächtigte sich meiner, raubte mir den Schlaf und ließ mich nachdenklich und einsam im Nirgendwo der wahren Welt, irgendwo in Südwesten eines eisig kalten Landes zurück. Die Tränen, die ich nicht weinen konnte, werden kommen, irgendwann. So leicht vergisst man, dass das eigene Gefühl die schlimmste Droge von allen ist, man versperrt den Blick für die ewig unveränderlichen Tatsachen des Lebens: eine lebenslange Hölle für jede Minute im Himmel. Wenn wieder einmal alles falsch läuft, der Winter eine Frau ist und das Glück wieder einmal über uns lacht… was soll dann alles?
Ich habe mir meine derzeitige Gemütslage nicht annähernd von der Seele schreiben können. Was ich jetzt dringend brauche, ist eine Auszeit von allem, was da im Netz sozial und interaktiv ist, und die werde ich mir gönnen, um nicht an der Vermutung, vielleicht genau den einen richtigen Menschen durch die Nebenwirkungen der immer kleiner werdenden Technik-Welt zu verlieren.
Ich möchte außerdem sicherstellen, dass es nie eine „offizielle“, noch eine „inoffizielle“ Liason war, sondern vielmehr etwas, das bei Überwindung der momentan gegebenen Grenzen mit einiger Wahrscheinlichkeit eine solche hätte werden können; es gab da viele Dinge, die sehr prägnant waren, und doch nie gesagt wurden.
Ich werde jetzt verschwinden und mich solange nur noch mit stumpfsinnigem und oberflächlichem Kram beschäftigen, bis es zumindest einigermaßen besser geht. Bis dahin aber werde ich im „sozialen Netz“ für niemanden mehr erreichbar sein. Sollte jemand das hier lesen, so bitte ich, das als ernste Warnung zu betrachten, was passieren kann, wenn wir unzumutbare Dinge zulassen. Und wenn es nicht eine lästerliche Heuchelei wäre, würde ich den boshaften Gott darum ersuchen, dass mir derartiges niemals wieder passiert.
Kommentare
Was man in dem Artikel nicht
Was man in dem Artikel nicht lesen kann ist, dass er nur die Verzweiflung einer einzigen Nacht widerspiegelt. Inzwischen weiss ich, dass alles gar nicht so hoffnungslos ist, nachdem es ein langes Gespräch gab, in dem ich gelernt habe, dass es diese Art von Angst ist, die bisweilen vorkommt bei solchen intensiven Dingen, die über Entfernung entstehen, und es gibt nichts, was mich glücklicher macht, als zu wissen, dass die Hoffnung doch nicht verloren ist. Wie gesagt, es ist keine offizielle "Beziehung", aber ich glaube es ist genau das, was der Sache ihre Bedeutung verleiht. Jetzt ist es an mir, alles dafür zu tun, die Entfernung zu überwinden, und ich werde genau das tun. Das heisst: Auslandsaufenthalt beenden, in Deutschland wieder Arbeit finden, sparen, das Studium überhaupt beenden und noch bessere Arbeit finden, damit alles schneller geht. Es wird klappen!
Ich bin sehr froh über deine Rückmeldung. Und mir gefällt der Link, den du deinem Kommentar angefügt hast. Er zeigt so schön, dass es immer Hoffnung in bedeutenden zwischenmenschlichen Beziehungen gibt, und die darf man niemals verlieren.
Gern geschehen! :)
Gern geschehen! :)
DANKE! Gar nicht anmaßend,
DANKE! Gar nicht anmaßend, das tat sehr gut, deinen Kommentar zu lesen! Vielen Dank dafür!
Ich könnte soviel zu diesem
Ich könnte soviel zu diesem beindruckenden Text sagen der knistert vor emotionaler Überladung (wobei Worte einem immer ein viel zu enges Korsett in derlei Dingen überstülpen) [und nicht zu vergessen über die Tatsache dass die musikalische Unterlegung in anderen Ländern als dem deinen durch Urherberrechtsmurks gestört wird]. Doch ich sage nur soviel zum Inhalt:
Du hast bisher alles richtig gemacht - in einer Welt die noch nicht bereit ist für globalen Austausch - wenn die fremde Dame annähernd ähnlich empfindet wie du (und die paar aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze legen das bei erster Betrachtung ja eigentlich Nahe), dann bleib dabei es richtig zu machen und plan auf der Stelle den Urlaub in der Ferne. Setz das Studium on hold, mach Au-Pair, Work and Travel, es findet sich eine Möglichkeit einen nächsten Schritt zu tun, sei mal Nicht-Deutsch und tu was verrücktes, das Richtige.
Natürlich kann es daneben gehen - aber kann es schmerzhafter werden? Wenn es nichts wird, wird es Gewißheit bringen, und wenn es wird, wird es auf abenteuerlich fester Basis gründen.
So oder so, welchen Weg du/ihr auch einschlagt, ich wünsche euch viel ... Ausdauer auf dem selbigen und eine feine Landschaft drumherum ... und einen anderen Satz Naturgesetze. Wenn ihr aber füreinander bestimmt seid (nicht durch überirdische Kraft sondern eurer selbst), werdet ihr euch so oder so fortwährend begleiten, als leuchtender vom Himmel gefallener Stern oder sei es nur als schimmernde Erinnerung.
Genug Sülzerei,
es gibt absolut keinen vernünftigen Grund zu lieben, also ist Liebe der Sieg der Verrücktheit über den Verstand.
Alles Gute euch zwei,
und verdammt sei derjenige der das Netz vor dem Beamen erfand!
P.S. Nein ich kenn dich nicht, die näheren Umstände ebensowenig und ich maße mir hier dreist an Ratschläge zu geben, aber so ist das Netz, dreist und anmaßend, manchmal.
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